Regional ist erste Wahl

Aus FC Schinke09

http://www.taz.de/digitaz/2007/07/03/a0138.nf/text

taz vom 3.7.2007

ÖKORECHNUNG

Sind Produkte aus fernen Ländern Öko? Dieser Frage geht der Gießener Professor Elmar Schlich nach. Sein Team ist nach Südafrika gefahren, um Ökoapfelplantagen zu untersuchen. In Neuseeland hat es sich die Aufzucht von Lämmern angeschaut. Auch die Weinproduktion kam unter die Lupe. Und immer vergleichen die Experten ihre Ergebnisse mit Daten von deutschen Biobetrieben. Ihre neue Studie über Fleisch in Argentinien bestätigt jetzt die bisherigen[1] Ergebnisse: Für die Energiebilanz ist nicht der Transportweg entscheidend, den Unterschied macht die Technik: Je besser die Produktions- und Transportmittel ausgelastet sind, desto weniger Energie wird pro Kilo Ware verschwendet. HG

taz vom 3.7.2007

[1] http://www.taz.de/digitaz/2003/11/11/a0089.nf/textdruck


http://www.taz.de/digitaz/2007/07/03/a0130.nf/text

taz vom 3.7.2007

"Ökosteak aus Argentinien ist prima"

Regional sei bei Bio nicht immer erste Wahl, sagt Wissenschaftler Elmar Schlich. Seine Rechnung: Farmer in Südamerika wirtschaften effizienter als heimische Kleinbauern. Biofleisch aus der Ferne ist umweltschonender als das von nebenan

INTERVIEW HANNA GERSMANN

Herr Schlich, wenn Sie wählen können zwischen einem Steak vom Ökorind aus Argentinien und einem aus Deutschland: Welches würden Sie nehmen?

Elmar Schlich: Es kann gut sein, dass das Ökosteak aus der Ferne umweltschonender produziert wurde als eines aus Hessen oder aus Bayern. Sie müssen das argentinische Fleisch nicht verteufeln.

Je kürzer der Weg, desto besser - diese alte Ökoregel stimmt nicht?

Wer sagt, regional ist immer erste Wahl, verdummt die Leute.

Warum?

Ein Ökosteak aus Argentinien schafft es nur in den deutschen Supermarkt, wenn dahinter ein großer Betrieb mit professioneller Vermarktung steht. Auf ein Stück Fleisch umgerechnet, brauchen die größeren Erzeuger bis zu fünfmal weniger Energie als ein regionaler Bauer, der weniger als 80 Tiere im Stall hat.

Wo wird die Energie gespart?

In Argentinien grasen die Viecher ihr Leben lang auf der Weide. Sie brauchen kein aufwendig hergestelltes Kraftfutter, wie es Tiere in Deutschland bekommen. Und: Sie werden in großen Herden mit dem Pferd zum Schlachthof getrieben, manchmal auch per Lkw gefahren. Hierzulande lädt ein kleiner Ökobauer ein bis zwei Rinder auf seinen Hänger. Sie benötigen zudem mehr Zäune und einen Stall. Der Aufwand pro Tier ist größer.

Werden Biosteaks geflogen?

Nein, argentinische Ökorinder werden geschlachtet, geteilt, abgepackt und bei 0,5 Grad Celsius transportiert - mit dem Laster zum Hafen und dem Schiff nach Hamburg. Die Reise dauert bis zu 14 Tage. Das ersetzt das Abhängen beim Metzger. Tiefgefroren wird das Fleisch nicht.

Welche Ökoprodukte kommen per Flugzeug?

First-Flush-Tea aus Indien oder Nepal. Das versaut die Bilanz.

Andere Beispiele?

Weniger als 2 Prozent der Lebensmittel fliegen. Äpfel aus Südafrika etwa kommen per Schiff. Sie werden gepflückt und sind drei Wochen später da. So haben sie die gleiche Energiebilanz wie solche deutschen Äpfel, die monatelang in Kühlhäusern lagern.

Wie soll der Verbraucher das alles wissen?

So schwer ist das nicht. Wenn ich mit dem eigenen Auto aufs Land fahre, um mir ein Ökosteak zu kaufen, kostet das zu viel Sprit. Supermärkte haben meistens die effizienteste Logistik. Auf dem Wochenmarkt bekommen Sie nicht das energetisch günstigste Fleisch: Bauern karren ihre Produkte in Kleintransportern an.

Was mache ich, wenn mir kleine Höfe mit Kuh, Wiese und Apfelbaum wichtig sind?

Klar: Der Landwirt hat eine landschaftspflegerische Aufgabe. Wir wollen alle gute Luft und guten Boden. Ich will das nicht dem einzelnen Bauer anlasten.

Was muss die Politik tun?

Viele Landwirte wissen gar nicht, wie viel Energie sie brauchen, um ein Kilo Fleisch zu produzieren. Da sollte es Beratungsangebote geben. Es kommt auf eine gut durchdachte Logistik an.

Das heißt?

Von zu kleinen Betrieben muss der Ökoaufkleber ab. Mehr Kooperationen und Genossenschaften würden schon helfen.


ELMAR SCHLICH, 56, ist Professor für Prozesstechnik in Lebensmittelbetrieben an der Universität Gießen.


http://www.taz.de/digitaz/2007/07/04/a0092.nf/text

taz vom 4.7.2007

Einkaufen soll doch nicht exotisch sein

Forscher und Händler verteidigen Ökowaren vom Kleinbauern nebenan. Der Kunde hat globale Massenproduktion satt

BERLIN taz Apfel, Steak oder Wein aus der Region sind nicht besser für die Umwelt als Lebensmittel, die aus der Ferne hierher transportiert werden. Diese These des Gießener Professors Elmar Schlich (siehe taz von Dienstag) hat für Empörung bei anderen Wissenschaftlern, hiesigen Bioerzeugern und Händlern gesorgt. Wie exotisch darf der korrekte Einkauf sein?

Fest steht: Noch nie haben die Deutschen so viele Biowaren gekauft wie heute. Der Markt wuchs allein im vergangenen Jahr um gut 15 Pozent. Händler importieren immer öfter aus der ganzen Welt Ökowaren - Kartoffeln kommen aus Ägypten, Orangen aus Brasilien und Lammfleisch aus Neuseeland. Und alle Experten sind sich einig: Die gängige Meinung, der Transport sei der Klimakiller Nummer eins, ist überholt. Diese Rechnung gilt nur, wenn die Ware per Flugzeug kommt. Zumeist wird sie aber per Laster und Schiff nach Deutschland importiert.

"Spanische Tomaten sind im Winter ökologischer als Tomaten aus dem hiesigen Gewächshaus", sagt zum Beispiel Alexander Gerber, Geschäftsführer vom Bund ökologischer Lebensmittelwirtschaft. Und: "Heimische Bioerzeuger, deren Logistik unprofessionell ist, können auch Energie verschwenden", meint Martin Demmeler. Er forscht an der TU München zur Wirtschaftslehre des Landbaus.

Trotzdem wehren sich Gerber und Demmeler gegen die weltweit gehandelte Ware aus Großbetrieben. Denn sie meinen: "Energie ist nicht alles" - und geben regionalen Produkten nach wie vor den Vorzug. Ihre Gründe: Ökobauern schaffen lokale Wirtschaftsstrukturen. Sie ziehen alte Nutztierrassen oder Obstsorten. Demmeler: "Kurzum, sie erhalten die hiesige Kulturlandschaft." Zudem schaffe Regionalität Vertrauen. Viele Kunden hätten global produzierte Massenprodukte satt.

Der Münchener Forscher macht gar einen neuen Trend aus: "Nach Bio entdecken Händler jetzt Regionalität." In der Schweiz und Österreich werben große Supermarktketten wie Migros, Billa oder Coop seit Jahren für regionale Bio-Spezialitäten. Auch in Deutschland gibt es erste Angebote: Die Allgäuer Supermarktkette Feneberg bietet in seinen 80 Filialen Bioware aus der Umgebung an. Etikett: "Von hier". Das hessische Unternehmen Tegut preist in seinen Märkten Biowurst und -fleisch aus der Rhön an, genau wie andere Ökowaren aus der Umgebung auch.

Und Plus hat erst letzte Woche Milch, Quark und Sahne aus der Region ins Sortiment aufgenommen. "ALPA - Genuss aus der Heimat" heißt die neue Marke. Ökolebensmittel sind das allerdings nicht. Sprecherin Melanie Prüsch macht aber klar: "Unsere Biolebensmittel beziehen wir möglichst auch aus Deutschland." Der Discounter reagiere damit auf "ein Bedürfnis der Kunden". HANNA GERSMANN


http://www.taz.de/digitaz/2007/07/05.1/ressort.q,TAZ.re,me#a0082

taz vom 5.7.2007 - LeserInnenbriefe

betr.: "Ökosteak aus Argentinien ist prima"

Argumente pro und contra

Leider leistet die taz in ihrer Berichterstattung über die Energiebilanz von regionalen vs. internationalen Bio-Betrieben wieder einmal dem Eindruck Vorschub, dass auch der Konsum von Öko-Lebensmiteln aus Übersee nachhaltig sei. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, anhand des seit 1993 jährlich veröffentlichten kritischen Agrarberichtes die methodischen Kritikpunkte an den Studien von Prof. Schlich darzustellen.

Die Studien folgen nicht durchgehend der Ökobilanzmethodik, sondern geben "nur" eine Endenergiebilanz wieder. Außerdem wird in der wissenschaftlichen Debatte die Auswahl der Betriebe als nicht repräsentativ kritisiert. Dass auf solch einer schwankenden wissenschaftlichen Grundlage ausgerechnet die taz die in den neoliberalen Mainstream passenden Thesen verbreitet, ist schon eine Enttäuschung. Leider wird die Idee einer "Ecology of Scale" trotz zweifelhafter wissenschaftlicher Absicherung immer wieder einmal von der taz propagiert. Wer hier wohl den Verbraucher verdummt und welche Interessen wohl dahinter stehen? Zumindest eine Darstellung mit Argumenten Pro und Contra wäre das Mindeste gewesen. Aber diesmal haben Sie sich wohl wieder für die reißerische Aufmachung und gegen die sachliche Debatte entschieden. Schade! WOLF-DIETRICH HUTTER, Berlin

Ökologische Sauerei

Hier werden der ökologischen Landwirtschaft die Probleme der konventionellen angelastet: Seit wann bekommen "Öko-Rinder" in Deutschland "aufwändig hergestelltes Kraftfutter"? Seit wann werden "Bio-Äpfel" "monatelang in Kühlhäusern gelagert"?

Und regionale Vermarktung wird diffamiert: Seit wann fährt jeder Endverbraucher eigens zum Biobauern, um sich sein Fleisch in einzelnen Steaks zu kaufen? Um zu wissen, dass dieses Argument an den Haaren herbeigezogen ist, braucht man nur gesunden Menschenverstand. Ferntransport hingegen ist nicht zum energetischen Nulltarif zu haben. Auch der Transport per Schiff kostet Sprit, ganz abgesehen von Zubringerverkehr, Be- und Entladen etc.

Die ökologisch allergrößte Sauerei wird unter den Teppich gekehrt, gar noch als "effiziente Großbetriebe" hochgelobt: Für die Rindermast in Argentinien werden "riesige Flächen unersetzlichen Regenwalds" abgeholzt! Wo geht das in die Ökobilanz ein? CHRISTOPH SCHMEES, Bremen

Lästige Landwirtschaft

Meine Frau und ich freuen uns schon auf die Zeit, wenn es endlich nur noch Bio-Angebote in jedem Supermarkt geben wird und die lästige Landwirtschaft in Deutschland nicht mehr betrieben werden muss. Niemand wird mehr schwer arbeiten müssen für die Gewinnung von Nahrung und alle Menschen können nach Herzenslust gesunde Nahrungsmittel aus aller Welt genießen, denn die sind ja umso günstiger zu bekommen, je besser die Transportkette ausgelastet ist. Bei hundert Prozent Import ist das dann ja der Fall. Wir Deutschen können uns dann ganz auf kulturelle Dinge besinnen, drucken jedes Jahr neue Euros, mit denen wir die Lebensmittelimporte bezahlen, und freuen uns, dass wir so super richtig liegen mit unserem Verständnis von nachhaltigen, ökologischen Wirtschaftskreisläufen.

Oder haben wir diese noch gar nicht auf dem Plan oder sogar schon wieder vergessen? OTTO NIEDERHAUSEN, Nartum