FC Schinke09

Aus FC Schinke09

Liebe Coopies, Freundinnen und Freunde, liebe Interessierte,

in der Folge werden wir versuchen, auf die steigende Anzahl von Informationswünschen und Anfragen durch Einzelpersonen, unorganisierte und organisierte Gruppen (z.B. WGs), die sich für Lebensmittelkooperativen interessieren, bei uns einsteigen oder sogar eine solche selber gründen möchten, Antworten zu geben und Unklarheiten zu beseitigen. Neben dem selbstdarstellerischen Charakter soll dieser Text auch durchaus als Anregung für die Neugründung von FoodCoops (FCs) und als Inspiration zur Verbesserung für bereits bestehende dienen. Und natürlich möchten wir an dieser Stelle auch für uns, bzw. darüber hinaus für die FC-Idee allgemein werben und so zur Verbreitung derselben beitragen.

Inhaltsverzeichnis

Die FC-Idee

Lebensmittelkooperativen (aus dem Englischen: Food Cooperative) sind Gruppierungen, die sich mit regionalen, fair gehandelten und ökologisch erzeugten Nahrungsmitteln auseinandersetzen. In der Praxis sieht das so aus, dass eine relativ feste Gruppe die Ware möglichst direkt von den ErzeugerInnen bezieht. Die Ware wird dann innerhalb dieser Gruppe unter Mithilfe aller Gruppenmitglieder verteilt. In den letzten vier Jahrzehnten bildeten sich in Deutschland viele verschiedene FCs mit ganz unterschiedlichen Strukturen. Daher lässt sich der Begriff FoodCoop nur sehr unzureichend definieren und eine klare Abgrenzung zu ähnlichen Gruppen wie Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften oder Einkaufsgemeinschaften scheint uns wenig sinnvoll.

Historie

Die Entstehung der FCs und ihre Entwicklung lässt sich geschichtlich nur schwer nachvollziehen. Fest steht, dass in Deutschland die ersten selbstorganisierten VerbraucherInnengruppen Mitte der 70er Jahre mit den sogenannten neuen sozialen Bewegungen entstanden. Die FC Schinke09 ist noch vergleichsweise jung. Wir gründeten uns im Frühjahr 2004. Damals waren wir gerade mal 7 Leute, Studies, von der FC-Idee begeistert, und in verschiedenen außeruniversitären politischen Zusammenhängen aktiv, z.B. der „Aktionsgruppe Konsum- und Konzernkritik“ (AKK). Aus dieser Gruppe hervorgehend organisierten wir bereits im Herbst 2003 das erste Gründungstreffen, was sofort regen Anklang fand. Aufgrund des Studierendenstreiks 2003 / 04, der all unser politisches Aktionspotenzial in Anspruch nahm, mussten wir allerdings ein halbes Jahr warten, um wirklich durchstarten zu können. Als es dann losging, wir also einige dutzend Preisvergleiche von Bio-Großanbietern, Supermärkten, Bioläden etc., viele Stunden Plenum und die wohl FC-typischen vegan / vegetarischen Diskussionen hinter uns hatten, trafen wir uns in großer Runde (d.h. mit etwa 20-25 Leuten, die ca. 40 repräsentierten) um unsere erste gemeinsame Bestellung zu stemmen. Dazu setzten wir uns alle in einen Kreis und riefen in die Runde, wer was haben wollte. Das war zwar sehr lustig und gesellig, aber natürlich auch sehr zeitaufwändig. Geliefert wurden die Waren (wir bestellten damals nur bei einem Bio-Großhändler) in eine große WG in der Schinkestraße (daher der spätere Name). Die WG sah dann einmal die Woche wie ein Bioladen aus. Ziemlich bald schuf dann ein findiger Informatiker (das sind äußerst nützliche, leicht verplante aber dafür sehr schlaue Menschlein, von denen es bei uns zum Glück eine ganze Menge gibt) eine sogenannte Bestellsoftware, die schnell zum Herzstück unserer nach diversen Anlaufschwierigkeiten immer besser funktionierenden FC avancierte. Doch dazu später mehr. Desweiteren wurden wir schnell größer und zogen bald schon um: in einen schönen kühlen Kellerraum in der Manteuffelstraße. Seit Sommer 2004 Jahren ist dort nun unser Warenlager, der wichtigste Ort einer FC. Obwohl es uns dort sehr gefällt, sind wir ständig auf Raumsuche, da wir tendenziell größer werden, was natürlich Raumprobleme mit sich bringt.

Status Quo

Heute sind wir etwa 40 Gruppen, d.h. über 100 Einzelpersonen. Die Größe der einzelnen Gruppen ist ganz unterschiedlich. Viele große WGs beziehen einen Großteil ihrer Lebensmittel regelmäßig über die FC, aber auch kleinere Haushalte und Einzelpersonen beteiligen sich. Wir sind in fünf Arbeitsgruppen organisiert: die Annahme-, Bestell-, Finanz-, Konto-, Sortier- und Palettengruppe. Jede dieser Gruppen deckt ein festgelegtes Aufgabengebiet ab und leistet die dort anfallenden Dienste. Aus rein praktischen Überlegungen heraus arbeiten wir nicht mit einem obligatorischen Rotationsprinzip, es ist jedoch üblich, von Zeit zu Zeit die Arbeitsgruppe zu wechseln, um alles mal gemacht zu haben. Hierbei gilt, dass alle Gruppen, die an der Foodcoop beteiligt sind, sich verbindlich unabhängig von der Bestellmenge regelmäßig in die Foodcoop einbringen und an den Aufgaben beteiligen.

Unsere Kommunikation läuft via Email-Verteiler und über ein etwa zweimonatiges Plenum, auf welchem vor allem Punkte behandelt werden, die über die Alltagsorganisation hinausgehen. Auf diesem Plenum wird im Konsens entschieden.

Wir bestellen einmal in der Woche bei fünf Zuliefer_innen / Erzeuger_innen: der regionalen Bio-Gärtnerei an den Heiligen Pfühlen Gärtnerhof, der Tofumanufaktur Soyrebels Soyrebels, dem Bio-Bäckerei-Kollektiv Bachkstube Backstube, der Händlerin für fair gehandelte Bio-Bananen banafair und einem Bio-Großhändler Terra Naturkost GmbH.

Darüber hinaus bestellen wir in unregelmäßigen Abständen bei dem Biohof Eichhorn, diversen Fairtrade-Zulieferern wie GEPA, El Puente, dwp, oder Kaffee etc. bei Fairbindung, Ökotopiaoder Cafe Libertad, Anti-Atom-Salz bei Salinas aus dem Wendland und was uns sonst noch so zwischendurch einfällt.

Unsere Idee ist, dass wir vor allem bei Kleinerzeuger_innen/ Kleinbäuer_innen bestellen. Denn uns geht es darum möglichst regional-bio und solidarisch-ökologisch einzukaufen.

Bestellmodus

Durch unseren Bestellmodus unterscheiden wir uns ganz wesentlich von den meisten anderen FCs: jede Kleingruppe (also WG, einzelne Haushalte) kann innerhalb eines bestimmten Zeitraumes aus einer reichhaltigen Liste von Produkten auswählen, die jede Woche neu von der Palettengruppe online gestellt wird. Ist der Zeitraum abgelaufen, wird die Bestellung von der Bestellgruppe aufgegeben. Am nächsten Tag wird dann die Ware geliefert, von der Annahmegruppe in den Keller getragen und von der Sortiergruppe auf die einzelnen Kleingruppen aufgeteilt. Im Laufe des Tages kommen alle Gruppen vorbei um ihre Lebensmittel abzuholen. Durch dieses Verfahren ist gewährleistet, dass jede Gruppe genau das bekommt, was sie auch bestellt hat. Allerdings erfordert es auch eine gewisse Planung, da jede Gruppe im Voraus bestellt und nicht, wie in vielen anderen FCs, in den Laden geht und aus einem vorhandenen Sortiment einkaufen kann.

Motivation

Als wir die FC Schinke09 gründeten war es eine zentrale Motivation, der zunehmenden Industrialisierung und der Globalisierung der Landwirtschaft und den damit verbundenen Negativfolgen, nicht nur für unsere eigene Gesundheit, sondern für die gesamte Umwelt, entgegenzutreten. Darüber hinaus wollten wir die Selbstorganisation eines wichtigen Teils unseres Alltags, nämlich der Nahrungsbeschaffung, in Angriff nehmen, um so die Fremdbestimmung und die Kommerzialisierung unseres Lebens zu bekämpfen.

In den üblichen Ladenstrukturen wird der Entfremdung zwischen ErzeugerInnen und VerbraucherInnen, zwischen Ware und KundInnen nicht entgegen gewirkt. Die Transparenz hinsichtlich der Produktionsmethoden, die Offenlegung der Preisgestaltung und ganz allgemein die Möglichkeit des Abbaus der Anonymität, sind weitere Gründe für alternative Versorgungsmöglichkeiten. Das Selbstbestimmen, welche Produkte nach welchen Kriterien über die FC bezogen werden können, setzt erstens die Auseinandersetzung mit diesen voraus und verdeutlicht darüber hinaus die Einflussnahme auf den Markt.

Zwar orientieren wir uns größtenteils an den herkömmlichen Biosiegeln, präferieren aber die Zusammenarbeit mit kleinen und politisch unterstützenswerten Betrieben.

Um in einer FC mitzumachen ist natürlich das immer noch relativ hohe Preisniveau auf dem Markt für Bio-Produkte eine legitime Motivation, da durch Eigenleistung in der FC Bio-Lebensmittel günstiger bezogen werden können.

Neben dem Umgang mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln ist uns der kooperative Charakter wichtig. Das System einer FC baut auf der Zusammenarbeit aller Mitglieder auf. Daher erfordert sie zwar mehr Zeit als bloßer Supermarkt-Konsum, stärkt aber das Gefühl der Eigenverantwortlichkeit. Diese, verbunden mit Selbstorganisation, bildet den Grundstein für zukunftorientiertes Leben. Aktives und verantwortungsbewusstes Handeln sind die zentralen Momente gesellschaftlichen Zusammenlebens. Natürlich ist es vor dem Hintergrund der Komplexität der ökonomischen, sozialen und ökologischen Kreisläufe und Zusammenhänge auf der Erde unmöglich generelle Lösungsstrategien anzubieten. Aber die verschiedenen Konzepte alternativer Lebensweisen und die damit einhergehenden Lösungsmöglichkeiten könnten innerhalb einer FC erprobt und erfahren werden. So wie die WGs der 70er Jahre als „Keimzellen der Revolution“ gesehen wurden, kann die FC als Raum verstanden werden wo sich neue Ideen und Meinungen verbreiten können.

In unserer Gesellschaft ist die Gruppe der CooperInnen an sich schon eine Besonderheit. Normalerweise haben Gruppierungen, Verbände etc. eine Leitung oder einen Vorstand. Auch die FC hat Strukturen, jedoch zeigt sie den Versuch, diese offen und basisdemokratisch zu etablieren. Immer werden sich einzelne durch ihre Aktivitäten und das daraus resultierende Wissen hervorheben, Wissenshierarchien werden entstehen. Grundsätzlich haben aber alle die gleichen Rechte. Für alle von uns ist daher die FC eine Chance zu lernen, wie Demokratie praktisch funktionieren kann. Nicht zuletzt um dieser Chance Ausdruck zu verleihen, treffen wir uns einmal im Monat um uns im Plenum zu organisieren. Dabei steht natürlich auch das gesellige Beisammensein im Vordergrund. Somit sind ökonomische und ökologische, sowie soziale und politische Aspekte in der FC vereint, denn „lecker lieber gemeinsam“!